Georg Wetter

(28.6.2002) Überzeugungskraft: Vor einiger Zeit traf ich in einem Café zufällig einen jungen Mann, mit dem ich ins Gespräch kam. Er lächelte mich an und sagte, daß es keine Selbstverständlichkeit sei, daß wir hier vormittags um 11 säßen und Kaffe tränken, statt zu arbeiten. Ich antwortete, daß ich nicht an bestimmte Arbeitszeiten gebunden sei. Ich habe mir meinen Beruf selber erfunden und habe mir viele Freiheitsgrade erobert, die es mir zB erlauben würden, hier zu sitzen und Kaffee zu trinken. Im Übrigen arbeite ich gerade: "Ich denke nach....".

Der junge Mann fragte mich nach meiner Arbeit. Ich erzählte ihm von meiner Schule für Lebenskunst, und gegen Schluß meiner Schilderung sagte ich: "Wenn ich mir genau überlege, was ich genau mache, hmmm, gar nicht so einfach. Ich sehe die Menschen als Energiesysteme und sehe ihre Energieströme in ihren Seelen fließen. Und ich sehe Blockaden. Genaugenommen lebe ich davon, daß ich mich dafür bezahlen lasse, daß ich mit Hilfe meiner Überzeugungskraft diese Blockaden löse. Die Energieströme werden von den "wahren Lebensphilosophien" der Menschen gesteuert. Da sich die meisten Menschen keinerlei Gedanken um ihre Lebensphilosophien - Weltbilder, Weltanschauungen - machen, sind diese oft widersprüchlich. An diesen Bruchlinien staut sich ihre Lebensenergie und wächst sich zu Krankheiten aus. Ich heile diese Brüche - mit meiner Überzeugungskraft. Ja, wenn man es so sieht: Ich lebe von einer Energie, die heilt. Ihr Name: Überzeugungskraft. Ich erschuf diese Energie durch Philosophieren...."

Der junge Mann wurde ganz aufgeregt. Er sagte, er habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen, aber jetzt werde er es tun: Er habe nämlich fast dieselben Erfahrungen gemacht wie ich. Er sei fast zufällig da reingerutscht. Eigentlich habe er bloß Karriere machen wollen. Er habe der Beste sein wollen. Er habe erkannt, man wird nicht der Beste, indem man am meisten arbeitet, sondern indem man am gründlichsten nachdenkt und den Überblick zu gewinnen sucht. Er habe immer den Fleiß der Leute bewundert. Aber ebenso habe ihn erstaunt, wie wenig Gedanken sie sich um das Ganze machten. So konnte jahrelanges Arbeiten scheitern, weil die langfristige Strategie fehlte. Seine Idee war, eine langfristige Strategie zu erarbeiten und dann erst zu arbeiten. Dann könne er sicher sein, nicht umsonst zu werkeln.

Nun sei er ein Wirtschaftsberater geworden. "Ich habe einen Überblick übers Ganze, den Andere nicht haben. Das ist fast alles. Ich werde hoch bezahlt dafür, daß ich gewissen Leuten sage, was ihre Firma im globalen ökonomischen System bedeutet, und welche Entwicklungen zu erwarten seien. Ja, es ist eine Energie. Ich nannte sie Bewußtseinsenergie. Überzeugungskraft ist auch gut. Es ist was Magisches! Ach diese Leute hier, schau dir an, wie gestreßt sie herumwuseln. Warum? Ich sags dir, obwohl du es weißt: Weil sie nicht wissen, wer sie sind! Wäre auch nur ein Funken Bewußtheit da, wären sie Herren ihrer Zeit. Ich sitze oft hier im Cafe und schaue den Leuten zu, wie sie geschäftig umherirren. Und dann stelle ich mir vor, daß jeder dieser Menschen unsichtbar ein bestimmtes Weltbild im Kopf mit sich herumträgt. Dieses Weltbild zwingt ihn zu allem, was er tut. Immer glauben die Leute: Ich muß dieses, ich muß jenes tun, ich muß!

Nein, sie müssen gar nix! Ihre Weltbilder zwingen sie. Sie wissen nicht, daß sie in ihrem Weltbild herumlaufen. Sie glauben, sie laufen in der Welt herum! Klar, daß sie hier verwirrt sind, denn sie haben ihre Weltbilder nicht selbst erarbeitet. Sie sind "Außenwelt" für sie. Sie haben keinen Einfluß mehr darauf. Also sind sie gezwungen, sich anzupassen. Das macht Streß! Und jeden Abend, während sie die "Tagesschau" gucken, holen sie sich neue Befehle für ihre Weltbildgestaltung ab. Natürlich merken sie es nicht. Sie informieren sich, wissen aber nicht, was "informieren" bedeutet: Sie bringen ihr Weltbild in Form, und zwar so, wie es den großen Zauberern da oben gefällt."

Nachdem er eine Sekunde schwieg, nahm ich den Faden auf: "Wenn du das weißt - und du hast gezeigt, daß du es weißt - dann bist auch du ein Zauberer." Er antwortete: "Ja klar! Wir sind Zauberer. Wir machen uns unsre Weltbilder selbst." Es war für mich sehr erregend, einmal aus einem anderen Munde zu hören, was ich selber dachte. Der junge Mann war übrigens gar nicht so jung, wie es nach außen hin wirkte...

(3.7.2002) Zweites Treffen im Cafe: Ich wollte den Wirtschafsberater unbedingt wiedertreffen. Für mich ist es wie Weihnachten und Ostern an einem Tag, die Ehre zu haben, mit solch einem Menschen eine Stunde verbringen zu dürfen. Gestern war es dann endlich so weit. Kurz bevor ich gehen wollte, kam er und setzte sich sofort an meinen Tisch. Ich erzählte ihm von meinen Erkenntnissen über das Verhältnis zwischen EGO und Liebe (siehe TB4) und fragte ihn, was er dazu zu sagen habe. Er sagte, er sähe es wie ich:
"Das Ego ist ein Modul, in welchem die Wahrnehmungen gebündelt werden. Das Ego ist quasi der perspektivische Fluchtpunkt hinter dem sog. "dritten Auge". Von ihm aus sehen wir sozusagen die Welt - nicht, weil wir dort sind, sondern weil die Sinnesdaten derart verarbeitet werden, daß dort ein perspektifischer Fluchtpunkt entsteht. Dieser wird nun als "Beobachterstandpunkt" kreiert. Von da an sind wir scheinbar "HIER"! Um diesen künstlichen kybernetisch erzeugten Punkt wird der materielle Leib und die gesamte Erscheinungswelt gruppiert. Wir sehen die Welt von "HIER" aus. Dieser Punkt ist der einzige unveränderliche Mittelpunkt unserer erlebten Welt. Eigentlich müßte, wenn wir unsere Füße bewegen, die Welt unter unseren Füßen hinwegflutschen, aber es erscheint umgekehrt: Die Welt bleibt unbewegt und wir latschen über die Erdoberfläche. Auch das ist ein kybernetischer Trick, den wir dann leibhaftig erleben. Unser Ego-Modul arbeitet nun mal so. Es konstruiert den Eindruck einer unbewegten Welt, in welcher wir mit unserm "HIER" - Punkt umherlaufen klönnen. Wenn du nun fragst: Ja wer sind wir denn wirklich?, antworte ich: Wir sind nicht nur das Modul. Wir sind der Träger des Moduls und all der anderen Module und deren Produkte.
"Liebe" im Sinne von "Zwei Menschen lieben sich" geht natürlich nur bei Vorhandensein zweier Egos. Diese schaffen die Trennung der Individuen, die sich dann lieben können. Ohne trennende Egos wären da keine zwei Personen, sondern eine oder keine. Da wäre Einheit, keine Liebe - genau wie du sagtst. Liebe ist, wo diese Einheit gefühlt wird von dem, was nicht Einheit ist, dem Ego."

Der Wirtschaftsberater lehnte sich zurück, schlürfte genußvoll seinen Kaffee und griff den Faden wieder auf: "Du überlegt dir die ganze Zeit, was geschähe, wenn man mit seinem Willen in dieses Modul verändernd eingreifen könnte! Stimmt's?" Ich bejahte und ergänzte, daß ich glaube, genau dies, im bescheidenen Ausmaß allerdings, bereits getan zu haben, im Rahmen meines Projekts der Wiederverzauberung der Welt. Mein Ziel, einen alterslosen Leib zu projizieren und zu teleportieren, habe ich allerdings noch nicht erreicht.
Er fragte: "Wieso ?"und ich antwortete:
"Einen unsterblichen Leib zu haben riskiere ich erst, wenn ich teleportieren kann. Sonst könnten mich irgendwelche Leute ein paar hunderttausend Jahre einkerkern. Das wäre keine schöne Vorstellung".
"Okay - Wie also machst du es, daß deine Seele das Modul so umprogrammiert, daß der perspektivische Fluchtpunkt des Ego hüpft und sich nicht in stetiger Weltlinie bewegt?"
"Ich muß es wollen und meine Seele muß es können."
"Also ich wills dir sagen: Du kannst es schon, aber du nimmst es nicht wahr, weil du die Vergangenheit änderst. Dadurch löschst du die Wahrnehmung der Sprünge. Du kreierst ständig neue Stetigkeiten. Du redest ständig darüber, daß du in der Allgegenwart die Vergangenheit rückwirkend ändern würdest, aber du bist wohl noch nicht auf die Idee gekommen, daß auch du nicht alles wahrnimmst, was deine Seele für dich zaubert. Du müßtest diesen "Generator", der ständig deine stetige, kausale Vergangenheit kreiert, ausschalten. Dann erst würdest du erleben - erinnern - daß du teleportierst."

Ich fragte: "Kommt nicht die gesamte Welt durcheinander, wenn Menschen darin herumteleportieren? Ist das nicht gefährlich für die Welt?"
Er: "Ach wo! Die Unsterblichen und Teleporteure gibt es doch schon immer! Das ist normal! Und genauso normal ist es, daß wir "Generatoren" oder "Module" besitzen, die uns kausal geordnete Welten abbilden. Alles geschieht in einunddemselben Geist. Du änderst ja nichts wirklich, sondern bloß deine Wahrnehmung. Okay, du änderst auch wirklich etwas - aber das tun schließlich alle! Das ist nichts Großes! Es kommt nur darauf an, daß du es bewußt tust."

"Kannst du teleportieren?" wollte ich wissen. Er: "Keinen Millimeter! Ich bewege mich nie auch nur um einen Millimeter. Mein Ego ist stets im Zentrum der Welt. Aber ich kann mir vorstellen, mal hier, mal dort zu sein...." Ich willst mal so sagen: Ich glaube nicht mehr an die Geschichten, die ich angeblich "erlebt" habe. Ich habe mich von diesen Erinnerungen getrennt und habe an deren Stelle etwas anderes gesetzt: meine Vorstellungen. Ich bin immer genau da, wo ich sein will. Aus. Ende. Es interessiert mich nicht, wie ich da hingekommen bin. Vergiß diese "klassischen" Vorstellungen von Teleportation. So geht das nicht. Es geht eher so:

Ein Schriftsteller sitzt in seiner Bude in Deutschland und schreibt einen Südseeroman. Selbstverständlich weiß er, daß er in Deutschland IST und die Südsee nur träumt oder sich vorstellt. Er ist in der Bude: Das ist real; Romanheld und Südsee sind Fantasie! So ordnet diese Schriftstellerseele ihre Realität. Ich ordne meine Fakten anders: Ich bin in der Bude, wenn ich an die Bude denke, und ich bin in der Südsee, wenn ich an die Südsee denke und die Bude vergessen habe. Meine Fantasiewelten sind genauso real wie die sogenannte "Wirklichkeit". Es gibt keine objektive Wirklichkeit! Es gibt nur Fiktionen. Da ich alle Fiktionen als gleichwertig betrachte, bin ich nicht nur der Schriftsteller in der Bude, der über die Südsee schreibt, sondern ich bin auch der Südseeinsulaner, der sich manchmal vorstellt, ein deutscher Schriftsteller in seiner Bude zu sein. Im Augenblick lebe ich die Fiktion, in einem Mainzer Cafe zu sitzen und Kaffee zu schlürfen.

"Wie machst du es, daß nicht die Weißkittel kommen und dich in die Klapsmühle bringen?" Er lachte und meinte: "Wenn ich mit Opfern der offiziellen Welt zusammenkomme, schmeiß ich halt den normalen Generator an. Der generiert mir dann die normale Welt - und alles ist normal. Das ist kein Problem."

"Also die normale Welt dominiert auch für dich alle anderen Vorstellungswelten?" Er: "Nein. Aus der Tatsache, daß die meisten Menschen der einen Welt anheimgefallen sind, schließe ich nicht auf einen höheren Realitätsgrad derselben. Ich erkenne nur an, daß sich der Großteil der Menschheit immer dieselben Geschichten erzählen. Aber das sind nicht meine (das sind die von ARD und ZDF). Das wäre mir zu langweilig. In der Hauptsache schreibe ich Romane, wobei ich fiktive Welten erfinde. Das schreiben fixiert den Weltenkern; die festen, charakteristischen Strukturen SCHREIBE ich fest. Dann steige ich in diese Welten ein und lebe darin. Alle wirklich guten Autoren können das, was ich kann. Sie erschaffen den Kern einer Welt - und den Rest erforschen sie. Verstehst du, was ich sage?"

Ich: "Ich fand in der FAZ ein Zitat, in welchem es hieß, Tolkien habe Mittelerde nicht erfunden, sondern entdeckt. Dieses Zitat war für mich sehr erhellend (s. "Zitate"). Ich fühlte mich damit bestätigt in meinem Projekt, meine Träume der sog. "Realität" gegenüber aufzuwerten. Aber so ganz ist mir das noch nicht gelungen. Ich kann zwar in einigen Traumwelten, die ich stabilisiert habe, sodaß sie fast jede Nacht wiederkehren, leben, aber es strengt mich sehr an, und außerdem erlebe ich diese Taumwelten weniger real, als diese eine Welt."

Er: "Okay, du mußt Geduld haben. So schnell geht das alles nicht. Mach einfach dein Ding weiter wie gehabt. Du bist auf dem richtigen Weg. Und nun, bevor ich gehe, habe ich noch ein kleines Rätsel für dich: Ich weiß, daß du dieses Erlebnis in dein Onlinetagebuch aufnehmen wirst. Was wirst du den Leuten, die sich fragen, ob du dies alles erfunden oder wirklich erlebt hast, antworten? Bedenke, ich bin eine selbsterfundene Romanfigur. Ich bin eine Erfindung meiner selbst; du bist eine Erfindung deinerselbst in anderen Romanen. Was du von mir wahrnimmst, bin nicht ich; du - und jeder andere Mensch - spiegelst etwas von mir in dein subjektives Universum hinein. Etwas von mir? Nein, nicht mal das. Ich in deiner Welt bin eine 100 % ige Erfindung von dir. Du wirst nie erfahren, ob es mich wirklich gibt, denn was ist "wirklich"? Was wirkt! Vorstellungen wirken! Mich gibt es nur "wirklich", wenn du mich in einem deiner Romane erfindest. Und die Leser deiner Homepage? Die, die wissen wollen, ob du das alles real erlebt hast oder nicht? Sie wollen es nur dann wissen, wenn sie nicht die Bohne verstanden haben, um was es geht. Und die, die verstanden haben: Sie werden zumindest ahnen, daß du unser gesamtes Gespräch zwar erfunden hast, aber real erfunden, sodaß es in gewisser Weise tatsächlich passiert ist."

Was ich denen antworte, die wissen möchten, ob ich die Gespräche mit dem Wirtschaftsberater wirklich erlebt habe: "Wenn wir als Maßstab jene Welt nehmen, in welcher es lt. Aussage der Naturwissenschaft weder Leben, noch Bewußtsein, weder Subjekt, noch Objekt, noch Erlebnisse gibt, - wenn wir also die physikalische Welt nehmen, wie sie uns die Naturwissenschaftler im Schulunterricht erklären, dann habe ich diese Gespräche nicht erlebt. Wie gesagt: In einer rein materiellen Welt gibt es kein Erleben, kein Bewußtsein, kein Subjekt, kein Objekt. Das wären sämtlich Illusionen von niemandem. Dann gibt es mich nicht - und den Wirtschafsberater gibt es ebenso nicht. Dann hat niemand irgendwas erlebt! Nehmen wir jedoch als Maßstab den Geist, dann sind alle Vorstellungen real. Dann existiere ich, insofern ich einen Mythos von mir habe - und dann existiert der Wirtschaftsberater, wenn ich eine Theorie von ihm habe und ich mein Ich von ihm abkoppele. Vielleicht erfand ich ihn als Romanfigur, aber wie wir von Tolkien her wissen, setzen diese Schöpfungen ihr Leben autonom fort und wir können sie erforschen. Sind diese Wesen erst einmal ins Leben gerufen, waren sie "schon immer da".

Das ist meine Antwort, und ich weiß, daß ich die meisten Leser damit immer noch nicht zufriedengestellt habe. Also ein letzter Versuch einer stimmigen Antwort: Am Maßstab dessen, was meiner Vermutung nach die meisten Menschen für real halten, habe ich die Geschichte bloß erfunden. Der Wirtschaftsberater ist eine Erfindung meiner Fantasie. Aber - und diese Ergänzung möchte ich anfügen: Dieser Maßstab ist in meinen Augen falsch!

Lothar schreibt in http://www.reschke.de/nichts/n_020702.htm auf seine Weise Ähnliches, wo es um die Existenz Harry Potters ging: "Es war immer schon da. Harry war immer schon da und wartete nur auf den richtigen Augenblick." Es lohnt sich, beide Gedankengänge zu vergleichen. Diese Thematische Parallelität ist übrigens, im Gegensatz zu anderen, rein zufällig.

(4.7.2002) Wirklich: Es ist beinahe befremdlich für mich, wenn Leute, die von ihrer eigenen Wirklichkeit völlig verdrehte Vorstellungen haben, wissen wollen, ob eine Romanfigur, sei es Harry Potter oder der Wirtschaftsberater Dr. Georg Wetter, wirklich existieren. Kann man einem Wesen mit künstlichem, fremdbestimmtem Ego, das nichts mit dem Wesen zu tun hat, sagen, was Realität ist? Derselbe Mensch, der mir vor ein paar Tagen noch mitteilte, er sei Vizeweltmeister (im Fußball), sagt nun (verzeih meine Arroganz!), ich würde spinnen. Ich kann nur antworten: Lieber Vizeweltmeister! Ich behaupte hiermit schlichtweg, daß es dich nicht gibt. Sorry! Aber etwas, das nicht existiert, zB ein Vizeweltmeister, kann keine sinnvollen Aussagen über Wahrheit und Spinnerei machen. Klar, du bist ja nicht nur Vizeweltmeister, du bist auch noch Installateur! Sagenhaft! Der Installateur ist nicht realer als der Vizeweltmeister. Merkst du nicht, daß du Etikettenschwindel betreibst? Im Kaufhaus klebt auf jeder Ware ein Preisschild. Das Preisschild ist nicht identisch mit der Ware. Die Ware, das sind zB Nudeln. Das Preisschild besteht aus Papier. Immer wenn ich dich frage, wer du bist, kommst du mit einem Preisschild daher und behauptest, du seist dieses und jenes Preisschild. Wie ist es nur möglich, daß du noch nie von dir berichtet hast? Hast du dich noch nie gesehen? Bist du dir so fremd? Bist du dir sicher, daß du überhaupt existierst? Ist da jemand hinter den Preisschildern? Du selbst sagtst: "Ja!" und ergänzt: " Ich bin 1,95 m groß, wohnhaft in ..., trage gern Militärlook, bin Fußballfan und spiele Tischtennis.....". Statt dich zu beschreiben, zählst du bloß weitere Preisschilder auf. Ich fürchte, du weißt nichts von dir. Du bist dir noch nie begegnet. Ich kann dir nur sagen: Bei Dr. Wetter gibt es Geist hinter den Preisschildern. Er weiß das. Also existiert er mehr als du oder?

Wo ist Dr. Wetter? Diese Frage ist noch nicht ausreichend beantwortet, aber angesichts der oben kurz angesprochenen These vom Primat des Geistes vor der Materie ist Dr. Wetter beschreibbar als "Mem". Ein Mem ist ein Gedankenkomplex, der allein durch die Tatsache, daß er gedacht wurde, im geistigen Universum existiert. Indem ich ein Mem definiert und mir vorgestellt habe, können andere Menschen, die davon hören oder lesen, eine gleiche oder ähnliche Vorstellung davon in ihrem Geist erzeugen, d.h. das Mem kann sich vermehren. Es kann für den Menschen so überzeugend werden, daß er sich von dessen Vorstellung feiwillig nicht mehr trennen kann. Das Mem kann fast eigenständig immer komplexer werden, sich auf verändernde äußere Umstände anpassen, wachsen, sich vermehren, autonom - ein eigenständiges, bewußtes, Geistwesen - werden.
Hier eine offizielle Definition von "Mem", die ich im Internet in http://www.knowledgemedia.org/netacademy/glossary.nsf/kw_id_all/696 fand:
"Beispiele für Meme sind Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen. So wie Gene sich im Genpool vermehren, indem sie sich mit Hilfe von Spermien und Eizelle von Körper zu Körper fortbewegen, verbreiten sich Meme im Mempool, indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen, vermittelt durch einen Prozess, den man im weitesten Sinn als Imitation bezeichnen kann. - Wenn jemand ein fruchtbares Mem in meinen Geist einpflanzt, so setzt er mir im wahrsten Sinne des Wortes einen Parasiten ins Gehirn und macht es genau auf die gleiche Weise zu einem Vehikel für die Verbreitung des Mems, wie ein Virus dies mit dem genetischen Mechanismus einer Wirtszelle tut ... Und dies ist nicht einfach nur eine Redeweise - das Mem etwa für den 'Glaube an das Leben nach dem Tod' ist tatsächlich viele Millionen Male physikalisch verwirklicht, nämlich als eine bestimmte Struktur in den Nervensystemen von Menschen überall auf der Welt" ( zit. aus: [Richard Dawkins: Meme, die neuen Replikatoren, in: Das egoistische Gen, Heidelberg 1994, S. 304]

Wenn wir erst mal die Mem-Theorie verstanden haben, fällt es uns leicht, auch uns selber als Meme zu begreifen. Wir selber sind Gedankenkomplexe, die durch das geistige Universum geistern, Gedankenkomplexe, die ausschließlich durch ihren Glauben beieinandergehalten werden: Alles, was nach unsem Selbstmodell zu uns gehört, gehört memetisch, kybernetisch, geistig/seelisch zu uns - ist Teil von uns. Was wir Andern zuschreiben, tritt uns gegenüber. So Dr. Wetter. Indem ich ihn erfand, schuf ich ein Gegenüber, mit dem ich mich anders unterhalten konnte, als hätte ich Selbstgespräche geführt. Das zeigt, daß Dr. Wetter eine gewisse Autonomie bereits erreicht hat.
(11.7.2002:) Wer glaubt, er sei real und Dr. Wetter nicht, ist also von einem Mem infiziert, das ihm genau dieses vorgaukelt und an dem er nichts zu ändern imstande ist, da er die Gaukelei für real hält. Da ich Herr meiner Meme bin, habe ich die Möglichkeit, Meme als das zu erkennen, was sie sind und kann ihren Realitätsstatus verändern.
Weiteres siehe bei "Magie" - Erschaffung von Dämonen.

(14.7.2002) Warum ich glückselig bin: Gestern Nachmittag - es war ein leichter Nieselregen - traf ich wieder mal Wetter an. Von Unwetter zu sprechen wäre ja auch ein wenig übertrieben! Wir schlenderten durch die Obstplantagen Richtung Autobahn und sahen den dahinbrausenden Autos zu. "Die Karren sind automobil!" meinte Georg. Aber sind es die Leute darin ebenso?" begann er ein Gespräch. "Haben sie neben ihren äußeren Antrieben auch einen inneren?" ergänzte er seine Frage. Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: "Meiner Meinung nach gibt es nur einen wirkungsvollen Antrieb zum Handeln: das Leid, wobei die Angst vor dem Leiden zum Leiden selbst zählt und dieses noch verstärkt. All diese Leute in ihren Autos leiden, und sie brausen dahin, weil sie einen Weg zur Glückseligkeit suchen. Natürlich würde keiner von ihnen das, was ich sagte, bestätigen. Sie würden, wenn man sie fragte, warum sie autofahren, antworten, daß sie in die Ferien fahren oder zum Club oder zur Oma oder zur Arbeit. Vielleicht fahren sie aber auch aus reiner gedanken- und gefühlloser Gewohnheit, vielleicht aber auch aus Lust? Was meinst du?"

Ich antwortete: "Die Autofahrer, die sich mies fühlen, fahren, weil sie leiden, jene, die nichts fühlen, fahren aus tumber Gewohnheit und jene, die sich gut fühlen, aus Lust. Wir können nicht in ihre Herzen hineinsehen. Also enthalten wir uns eines Urteils über sie und schauen besser in unsere eigenen Herzen und erzählen, was wir sehen. Ich sehe Glückseligkeit." Georg sah mich befremdet an: "Du nennst dich glückselig? Es gibt auf Erden keine Glückseligkeit! Darf ich dich daran erinnern, daß du erst vor Kurzem sagtest, daß du dir seelisches Wachstum so vorstellst, daß Hindernisse, Probleme, Widerstände dir in den Weg treten, und du mußt sie verstehend in deinen Geist integrieren. Das heißt doch wohl, daß deine geistige Nahrung in Gestalt von Leid auf dich zukommt! Das Fremde ist stets leidvoll, und wenn du nicht verstehst, wird es deine Seele zerreißen. Du kannst also nur durch Leiden lernen und wachsen! Das ist der Skandal, für den ich den Schöpfergott in den Arsch treten würde, wenn ich könnte!"

"He, he - jetzt hol dich mal wieder ein!" bremste ich Georgs Ereiferung. Erstens: Ich bin wie du der Ansicht, daß es auf Erden keine Glückseligkeit gibt. Glückseligkeit ist transzendental, nichtphysikalisch, aber real. Zweitens: Was du Leiden nennst, ist für mich Seelennahrung. Also leide ich nicht. Bedenke, daß Leiden für ein Erleiden steht, für ein passives Erleben. Fremdes löst nur Leid aus, wenn ich passiv bin! Bin ich aktiv, erleide ich nichts! Glückseligkeit ist totale Aktivität. Ich würde mal sagen, du hast dich in eine Opferrolle verrannt, die deiner nicht würdig ist, Herr Dr. Wetter!

"Mich ärgert nun mal Vieles! Ich war gestern auf einer Party, und es kotzte mich an, dieses EGO-Geprotze der Leute miterleben zu müssen. Es war ekelhaft, dieses verlogene "Ich - bin - besser - als - du - Spiel", diese tierische Gebalze um die Frauenzimmer, dieses Gedröhn der Eitelkeiten! Was soll ich da lustvoll oder glückselig integrieren? Mich überkommt da bloß das kalte Grausen, der Ekel und Überdruß am Menschen! Das ist LEIDEN! Und ich hab die Schnauze voll davon!"

"Ich will dir sagen, was du hier lustvoll und glückselig integrieren könntest", antwortete ich. "Du mißt die Leute am falschen Maßstab. Du mißt sie an dem, was sie hätten sein können deiner Meinung nach. Aber du irrst: Sie hätten nichts anderes sein können. Sie tun allesamt das Beste, was sie tun können! Ehe du es nicht schaffst, jede einzelte tierische, balzende, eitle Regung dieser Leute gutzuheißen, hast du sie nicht verstanden und bist selber nicht weiter als sie - bist einer von denen, die du haßt! Finde erst mal heraus, warum sie ihr Tun gut finden. Dann hast du sie verstanden und dann kannst du ihnen zu weiterzuhelfen versuchen. Wenn dir das Verhalten der Leute auch nur ein Stäubchen Ablehnung erzeugt, bist du nicht reif, als ihr Lehrer aufzutreten. Dann brauchst du selber noch Ausbildung! Tut mir Leid, daß ich es dir sagen muß: Auch du bist nicht souverän. Auch du bist kein "Automobil"! Du bist kein Zauberer! Und ergo kein guter Wirtschaftsberater!"

(1.8.2002) Pöbel und Elite: Georg Wetter wollte noch einmal darüber diskutieren, ob es tatsächlich zutreffe, daß es seelenlose und unbeseelte Menschen (Pöbel und Elite) gebe. Stimmt die Bibel in Joh. 3.31? Er sagte, er habe die Feststellung gemacht, daß die Philosophie um so richtiger liege, je weiter man in die Vergangenheit zurückgehe. Und die Alten hätten nun mal in großer Übereinstimmung gesagt, daß es diese zwei Menschenarten gebe: körperlich zwar identisch; die einen jedoch beseelt, die andern unbeseelt.
Der Freund lehnte ab. Er sagte, die sogenannten "Unbeseelten" seien bloß abgekapselte Egos, die die Verbindung mit ihren Seelen verloren hätten. Diese Egos seien unbeseelt, aber die dazugehörigen Seelen seien durchaus existent.
Ich fügte hinzu, daß auch ich glaube, daß ein Mensch, solange er einen Menschenkörper habe, beseelt sei. Nur daß beim notorischen Empiriker diese Seele nichts mehr von sich wisse. Sie verschmelze mit der Kollektivseele. Ergo ist meine Meinung zu diesem Komplex folgende: "Ich glaube, daß die Elitemenschen solche sind, die im bewußten Kontakt mit ihren individuellen Seelen stehen, während der Pöbel eine Kollektivseele mit vielen Körpern ist, wobei den Körper-ichs die Seele unbekannt ist. Ich glaube außerdem, daß die Kollektivseele jederzeit individuelle Seelen abspalten kann und, umgekehrt: individuelle Seelen in sich aufnehmen kann. Menschen aus dem Pöbel können zu individuellem Bewußtsein gelangen; Individuen können ins Kollektiv zurückfallen. Da man jeden Menschen moralisch (kat. Imperativ!) nach seinem Potential beurteilen muß, darf man den Pöbel nicht minderwertiger, als die Elite einstufen. Wir sitzen alle in einem Boot! Die Elite soll der Herde Hirte sein, aber nicht Wolf! Die Sprachverhunzung sollte deshalb gestoppt werden.

2.8.2002: Was ist "Pöbel"? wollte ich wissen. Wetter antwortete: "Kein Schimpfwort, sondern Bezeichnung für einen bestimmten Teil der Bevölkerung, nämlich der "naiven Realisten". Dies ist ein philosophischer Begriff, der jene Menschen bezeichnet, die "glauben, was sie sehen". Sie setzen irrtümlich (naiv) Erscheinung und Realität gleich. Da der Abbildungsprozeß unsichtbar ist, wissen sie nichts von ihm und leugnen ihn. Der Pöbel weiß nichts von ihm; der empirische Naturwissenschaftler übergeht ihn methodebedingt - unabhängig davon, ob er vom Abbildungsprozeß weiß oder nicht (aus diesem Grund dient der Wissenschaftler dem Pöbel). Da alle Erscheinungen materiell sind, sind naive Realisten zugleich Materialisten. In Joh. 3.31 heißt die Materie "Erde".

Da Erscheinungen (=Bilder) über mindestens eine Dimension weniger verfügen, als das "Original", fehlt den Materialisten mindestens eine Dimension: ein Freiheitsgrad, und dieser heißt "positive Freiheit" oder die "Freiheit zu..." oder die "Kreativität". Materialisten verfügen im allergünstigsten Fall über die "negative Freiheit": die "Freiheit von ...".
Menschen mit positiver Freiheit sind Schöpfer, Mächtige, Kreatoren oder Künstler; Menschen mit negativer Freiheit Diener - und zwar aus Prinzip, nicht aus Bosheit. Passiv Freie können prinzipiell nichts anderes als dienen. Diese Menschen heißen Pöbel. Wer zu aktiver Freiheit fähig ist, ist kein Pöbel.

Allein schöpferische Menschen können eine lebensfähige Zukunft kreieren. Der Pöbel kann nur gegenwärtige mechanische Prozesse fortführen, die notwendig in Katastrophen münden. Aus diesem Grund braucht der Pöbel die Elite. Aber umgekehrt braucht die Elite auch den Pöbel, denn ohne ihn gäbe es nichts, woran ihre Schöpferkraft ansetzen könnte. Die Soziologen nennen dies "Steuerungshierarchie" und "Entwicklungshierarchie". Die Elite steuert die Entwicklung des Pöbels. Oben werden die Ziele gesetzt, unten ist die Entwicklung der konkreten materiellen Welt. Das, was sichtbar da ist: Menschen, Autos, Straßen, Häuser, Städte, Technische Geräte - das alles ist die zu entwickelnde Welt des Pöbels. Unsichtbar darüber ist die geistige Welt der Steuerung, von der der Pöbel nichts weiß. Der Pöbel ist das Fleisch in der Wassersuppe. Das Fleisch sieht man; das Wasser nicht. Zur Suppe braucht man beides."

(9.7.2003) Wahnsinn: Was die "Entwicklungshierarchie" anlangte, wollte ich Dr. Wetter nicht bestätigen. "Da entwickelt sich nichts!" wandte ich ein. "Dann müßte es im Denken der Leute so etwas wie "folgerichtiges Denken" geben, aber ich sähe nur den hellen Wahnsinn. Die Leute denken, was man ihnen vorgibt, und nicht, was vernünftig, rational oder logisch sei. Ihre Wahrnehmungen erscheinen ihnen nur immer folgerichtig. Das liege jedoch nicht am richtigen Denken, sondern daran, daß jede Gegenwart ihre Vergangenheit rückwirkend kausal konstruiere. "Die Leute sehen sich immer als letztes Glied einer Kausalkette. Nur Magier sehen, daß sie ständig neuie Ketten projizieren und darum sehen sie das wahre Verhalten der Leute, und dieses sein nun mal - gemessen an meinem überzeitlichen Maßstab, der außerhalb dieser Kausalkentten liegt - vollkommen verrückt."

Wetter meinte: "Gut, wir müssen nun klären, was dein überzeitlicher Maßstab genau ist, damit klar ist, was du meinst. Deinen Maßstab hast du ja schon erklärt; ich erinnere an die Sache mit den Memen und dem Romanschriftsteller. Mein Maßstab aber ist ein anderer! Ich stimme dir zwar vollständig zu, was die "ewige Gegenwart" anlangt - ich wäre nicht unsterblich, wenn ich nicht wüßte, wie es geht, das Leben in der Zeitlosigkeit. Aber was ich wollte, waren möglichst echte Reisen in der Zeit. Mein großer Plan war, in die Welt der Schachtelhalmwälder vor 200.000.000 Jahren oder die der Dinosaurier vor 65.000.000 Jahren zu reisen. Ich wollte nicht nur Geist sein, sondern in der materiellen Welt reisen, wie sie Prähistoriker rückwirkend definierten. Mir wurde klar, daß ich zwei Zeitkonzepte gleichzeitig realisieren mußte, um mein Ziel zu errichen: Das physikalische Zeitkonzept, in welchem es Dinos gab und das spirituelle Konzept der Ewigen Gegenwart, das mir die Fähigkeit des Reisens erschloß; schließlich wollte ich in der Welt der Naturwissenschaft reisen, ohne in dieser Welt gefangen zu sein."

"Und?" wollte ich wissen, "Hat es funktioniert?" Georg hob beide Arme und spreizte die Finger der nach unten gerichteten Handflächen, als wolle er wie Gandalf aus Mittelerde einen Zauberspruch loslassen: "Ich bin hier!" rief er fröhlich und drehte sich wie ein Derwisch im Kreis.

Apollo und Dionysos

Einst trafen sich zwei große Magier in der Wüste bei einer Tasse Tee. Sie sprachen freundschaftlich, aber doch wollte ein jeder der Beiden wissen, welcher der größere Zauberer sei. Also schlugen sie ihre Hände zu einer Wette ein. Wer würde den Kampf der Magier gewinnen?

Apollo zeigte auch sogleich, zu welchen Taten er fähig war: Er schuf ein großes, mächtiges Reich mit klirrenden Waffen aus Stahl: Titanische Bomber wurden aus den großen Fabrikhallen herausgefahren. Sie waren Produkte einer bestimmten Disziplin des Denkens, welche Apollo erfunden und den Menschen aufgeprägt hatte. Dionysos ließ sein geistiges Auge über die Welt fahren und staunte nicht schlecht: Riesige Metropolen erstreckten sich über das Antlitz der Erde: lange breite Straßen zogen sich wie Blutadern durch das Land, überall Baustellen, wo Natur in Technik verwandelt wurde. Die Kräfte des rationalen Verstandes hatten sich überall sichtbar über die Natur gelegt. Selbst der Himmel war übersät mit fliegenden Ungetümen. Dionysos war beeindruckt: "Deine Ordnung scheint vollkommen!" sagte er. "Aber ich will dir nun eine Kostprobe meiner Macht geben!"

Dionysos führte das Auge des Apollo auf ein paar tausend Männer mit langen Bärten, die offensichtlich völlig verrückt waren und einer monotheistischen Religion anhafteten, an der das Zeitalter der Aufklärung offensichtlich spurlos vorübergegangen war. Sie wuschen sich und warfen sich fünfmal am Tag in den Schmutz der Welt und beteten ihren Gott an. Apollo lachte, als er den primitiven Geist dieses Gottes sah. Diese Streitmacht Allahs sah wirklich erbärmlich aus; gedemütig und völlig ausgezehrt. "Das ist meine Streitmacht", sagte Dionysos, "mit der ich dich in die Knie zwingen werde!"

Apollo krümmte sich vor Lachen: "Ich beschäftige zehntausende von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die ständig neue und verbesserte Waffen entwickeln! Ich beschäftige millionen von Lehrern, die in den Schulen und Universitäten den Menschen technisches "Denken" beibringen, aufdaß Technik und Verwaltung immer besser werden. Meine besten Leute, die Juristen, erschufen ein Gesetz, dem sich jeder Mensch beugen muß. Ich bin der Herr des Systems. Mir widersteht niemand. Ich werde deine "Streitmacht" der tausend armen Seelen hinwegfegen!"

Apollo ließ einen riesigen Schwarm titanischer Kampfflugzeuge starten und das Land, in dem die Bärtigen lebten, bombardieren. Jeder Quadratmeter Land wurde mehrfach umgepflügt. Es blieb nichts übrig, außer ein paar hungernde Bauern, die jedoch nicht zählten. Dionysos führte Apollos Auge zu den Bauern: "Sieh sie dir genauer an!" sagte er. Apollo sah hin, und er sah mit einem Schmunzeln im Gesicht, daß diese Bauern, bar ihres fruchtbaren Landes, zu ihren primitiven Schwertern griffen und ihre Heimat verließen. Zwei Jahre später rasten entführte Passagierflugzeuge in die symbolträchtigsten Wahrzeichen der Macht Apollos, auf daß diese mit einem Riesenkrach in sich zusammenfielen. Der materielle Schaden war gleich Null; der psychologische verheerend (aber das zeigte sich erst viel später).

Apollo verwüstete folgerichtig das Land der vermuteten Herkunft dieser Terroristen noch mehr. Infolge dieser Verwüstungen, die prächtig anzusehende Bilder in den Ruhmesgalerien hergaben, gab es weitere Racheakte der Bärtigen in weiteren Metropolen des Apollinischen Reiches. Nun machte sich die Angst im Reich Apollos breit. Das ausgeklügelte System aus Bündnissen zerfiel, weil ein Jeder auf seine Weise versuchte, dem Terrorismus Herr zu werden. Da die Bombenteppiche nichts gegen Nadelstiche nutzen, spaltete sich das Reich Apollos durch sämtliche Organisationen. Der Weltbund spaltete sich, der Weltgerichtshof löste sich auf, der kontinentale Bund spaltete sich, der militärische Weltbund zerfiel. Wütend schickte Apollo immer mehr titanische Flugzeuge und Raketen gegen den Feind, doch die Waffen trafen nicht die Bärtigen, sie trafen ausschließlich technische Güter, die eigentlich zum Reich Apollos gehörten. Die Terroranschläge nahmen zu.

Da die Maxime "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!" nun auch Freunde zu Feinden machte, eskalierte der Terror. Nun entschloß Apollo sich, das Gesetz, nach dem alle Menschen gleich seien, zu ändern. Ab sofort wurden die Menschenrechte abgeschafft; jeder, der der Sympathie mit Dionysos verdächtig war, durfte nach neuem Recht sofort abgeurteilt werden. Die Völker, die ihr Vertrauen in Ruhe und Ordnung verloren, gerieten in Panik, jede Organisation löste sich nun auf, bzw. wurde arbeitsunfähig. Die Weltwirtschaft brach zusammen. Haß breitete sich aus wie eine ansteckende Krankheit, gegen die es kein Mittel gab.

Apollos Reich zerfiel. "Okay!" sagte Apollo. "Du hast die Wette gewonnen! Sag mir, Dionysos, wie hast du das geschafft mit deinen paar armen, ungebildeten, bärtigen Bauern?" Dionysos lachte: "Nein, auch diese Bauern waren nicht meine Geschöpfe!" Als du ihnen ihr Land stahltest, hattest du sie dir selber zum Feind gremacht! Du bist Schöpfer ihrer Armut, ihrer Ungebildetheit, ihrer Verzweiflung und ihres Mutes! Du gabst ihnen ihre Kraft! Ich habe nichts getan! Absolut nichts, außer, daß ich ein klein wenig flunkerte, als ich sagte, sie seien meine Streitmacht. Apollo, du hast dich selber besiegt. Du hast die Folgen deines Handelns selbst herbeigeführt. Ich selber habe nichts getan. Ich saß nur hier und hatte einen Traum.

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